 Judith Joy Ross: Ohne Titel, aus: Easton Portraits, 1988, © Judith Joy Ross, courtesy Pace/MacGill Gallery, New York und Sabine Schmidt Galerie, Köln, 2011
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Judith Joy Ross Photographien seit 1982
Eine Ausstellung der Photographischen Sammlung/ SK Stiftung Kultur, Köln, in Zusammenarbeit mit der Künstlerin
Die amerikanische
Photographin Judith Joy Ross (*1946) hat ein vielseitiges Werk
geschaffen, dessen Schwerpunkt auf dem Portrait liegt und insbesondere
im Umkreis ihres Wohnortes Bethlehem und ihres Geburtsorts Hazleton
entstand, einer ehemaligen Bergbau-Region in Pennsylvania, USA. Ihre
Arbeit verfolgt sie bevorzugt in über längere Zeit entwickelten
Bildgruppen, die verschiedene Personenkreise und gesellschaftliche
Hintergründe ansprechen. Im Einzelnen zeigt sie uns psychologisch
einfühlsame Portraits, die das je Individuelle ebenso wie eine weite
Spannbreite emotionaler Befindlichkeiten und Physiognomien vor Augen
führen: Sie zeigt Kinder, aufgenommen in ihrer Freizeit und Schule,
Jugendliche auf dem Sprung in die Erwachsenenwelt, Menschen in der
Begegnung mit politischen Fragestellungen, dem Vietnamkrieg in der
Vergangenheit oder aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen, Männer
und Frauen in ihren Berufen, engagiert im Ehrenamt oder in elterlicher
Rolle. Dabei begegnet sie dem einzelnen Menschen mit großer Offenheit
und Respekt, sucht sein Bild im Alltag, fern davon, Schönheitsidealen
und medialen Klischees nachzueifern. Der Stadtpark, der Spielplatz, der
Supermarkt, die Straßen der Nachbarschaft oder das Wahllokal sind ihr
willkommene Orte zu photographieren. Dann ist es die spezifische
Präsenz, der Augenblick der Kontaktaufnahme, die Judith Joy Ross mit
Freude erlebt und faszinieren. Die Kamera wirkt dabei auf ihre eigene
Wahrnehmung wie ein klärender Filter. So versteht sich, dass sie, nach
dem Rezept für ihre Aufnahmen befragt, einmal antwortete, dass sie sich
weniger als Urheberin der Bilder sieht, denn als Vermittlerin einer
gemeinsam erlebten Situation. Das Gelingen einer Aufnahme steht deshalb
auch ganz wesentlich im Zusammenspiel mit ihrem Gegenüber und die
Mitwirkung der aufgenommenen Menschen erweist sich mehr als eine
notwendige Voraussetzung denn als glücklicher Nebeneffekt.
Zur
Umsetzung ihrer Aufnahmen greift die Photographin zu Großbildkamera und
Stativ. In der Handhabung aufwendig, erfordert dies Konzentration und
Geduld, ermöglicht aber im Ergebnis bewusst ausbalancierte und fein
gezeichnete Photographien von großer Stofflichkeit. Diese werden von
Judith Joy Ross als Kontaktabzüge von 8 x 10 inch-Negativen auf
Auskopierpapier mit Goldtonung ausgearbeitet, und weisen höchst
differenzierte Graustufen auf. Damit nimmt die Künstlerin ein Verfahren
aus der Frühzeit der Photographie auf, überführt es in die Gegenwart und
konfrontiert uns nachdrücklich mit der Magie des Realität
aufzeichnenden Mediums.
Judith Joy Ross hat ab 1966 am Moore
College of Art in Philadelphia studiert und wechselte 1968 ans Institute
of Design Illinois Institute of Technology in Chicago, wo sie u. a.
Kurse bei Aaron Siskind und Arthur Siegel besuchte. Doch den Beginn
ihres künstlerischen Schaffens sieht sie, unabhängig von ihrer
Ausbildungszeit, in der Serie Eurana Park,
Weatherly, Pennsylvania, 1982. Vor allem Kinder und Jugendlichen fanden
ihre Aufmerksamkeit. Die Verletzlichkeit der Kinder, ihre
Unbefangenheit und ihre Geborgenheit im Freundeskreis werden in dieser
Bildreihe ebenso deutlich wie die schwierige Zeit des Erwachsenwerdens.
Dann gehören offenbar Selbstzweifel, Melancholie oder auch Einsamkeit
mit zu den Wegbegleitern der jungen Persönlichkeiten. In dieser Serie
thematisierte die Photographin bereits Aspekte, die sie auch später
wieder aufgreifen und variieren sollte. So reflektiert sie
beispielsweise in den zwischen 1992 und 1994 in mehreren Schulen in
Hazleton und Cleveland realisierten Bildreihen erneut Facetten der
Kindheit und Adoleszenz. Nicht nur sie selbst tritt damit eine Zeitreise
in die eigene Schulzeit in Hazleton an, auch der Betrachter mag vor
diesen lebensnahen Aufnahmen noch einmal in seine persönliche
Vergangenheit und frühe Gefühlswelt eintauchen.
Eine wichtige Werkreihe, die unmittelbar auf Eurana Park folgte, ist Portraits at the Vietnam Veterans Memorial,
aufgenommen 1983 und 1984 in Washington, D.C. Auf dem Gelände des
damals gerade errichteten Denkmals für die Gefallenen und Vermissten des
Vietnamkriegs ging Judith Joy Ross mit ihrer Kamera einer der für sie
zentralsten Fragen nach: „Wie geht der Mensch mit Trauer und Schmerz
um?“ Ihre Bildergebnisse zeigen ganz unterschiedliche emotionale
Reaktionen, die Gesichtsausdrücke der photographieren Besucher des
Denkmals schwanken zwischen Irritation, Erkenntnis und tiefer
Betroffenheit.
Einmal mehr betonen die Reihen Portraits of the U.S. Congress, 1986/87, U.S. Army Reserve, 1990, Elections, 1996 bis 2010, sowie die jüngere Serie Protest the War,
2006/2007, die kritische und politische Dimension Ross’ Arbeit. Die
Debatte um das Verhältnis zwischen institutionalisierter Politik und
einzelnem Bürger steht jeweils im Hintergrund, wenn auch unter
verschiedenen thematischen Vorzeichen. Mit den Portraits von
Kongressabgeordneten oder deren Mitarbeitern, die Ross in ihren Büros im
Kapitol in Washington aufgenommen hat, blickt sie hinter die Fassade
der großen Politik. Sie verleiht ihr ein menschliches Gesicht, sucht
ihre Motivation im Individuellen und relativiert letztlich auch
Kompetenz- und Absolutheitsansprüche.
Das Schaffen von Ross geht
generell mit einer starken Teilnahme am aktuellen, sie umgebenden
Geschehen einher. Dies kommt in den Reihen Pathmark, Allentown, 1984, Easton Portraits, 1988, Northeast Philadelphia, 1998 und Freeland,
2004, zum Tragen. Es sind Werkgruppen, die zwar ursprünglich einen
anderen Aufnahmeanlass haben, aber alle Personen zeigen, die aus
unprätentiösen Lebenskontexten fern des amerikanischen Traums stammen
und denen normalerweise nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird.
Der
Sinnhaftigkeit des Lebens auf der Spur, nimmt Judith Joy Ross zudem
Menschen in ihrem beruflichen Alltag auf, so in der Serie Jobs, 1990, oder anders konnotiert mit Blick auf Freizeit und der Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppierungen in den Bildreihen Baseball, 1989–1991 und Church People, 2005/06. Wiederholt geht es um Fragen des Miteinanders, der Verantwortung, der Identität und deren Entfaltungsmöglichkeiten.
Vor
allem bei der Aufnahme von Kindern fragt sich Judith Joy Ross vielfach,
wie es um deren Zukunft bestellt ist. Zum übergeordneten Thema wurde
diese Überlegung in der 1996 erarbeiteten Serie 2046.
Die Photographin war zum Beginn dieses Projekts 50 Jahre geworden und
nahm dies zum Anlass eines imaginären Ausblicks. Die Betrachter sollen
sich dazu aufgefordert fühlen, darüber nachzudenken, wie das Leben der
Abgebildeten 50 Jahre später verlaufen sein könnte.
Im New
Yorker Washington Square Park entstanden die Aufnahmen ehemaliger
afrikanischer Kindersoldaten, die 2001 in die Metropole zu einer UN
Konferenz eingeladen waren. Tragischerweise fiel ihr Aufenthalt in die
Zeit der Terroranschläge des 11. Septembers. Die Portraits geben keine
eindeutigen Hinweise auf Lebensumstände der Abgebildeten oder deren
schicksalhafte, dramatische Biographien. Wiederum scheint die
Photographin mit diesen Bildern eine Antwort auf die existentielle Frage
zu suchen, wie der Mensch mit Trauer und Schmerz umgeht.
Die Konfrontation unterschiedlicher Lebensmodelle und Kulturen spielt für die Bildreihe Paris,
2003–2006, eine entscheidende Rolle. Judith Joy Ross hat in Paris
Kontakt zu dort ansässigen Afrikanern gesucht, die ihrer Tradition
verhaftet, sich gleichzeitig im neuen Umfeld zu akklimatisieren
versuchen. In Europa greift Ross so den für die westliche Welt wichtigen
Aspekt der Migration und Integration auf und leistet damit einen
künstlerischen Transfer einer übergreifenden Problematik.
Seit
den 1980er-Jahren ist die Photographin immer wieder mit Motiven aus der
Natur befasst, beispielsweise mit Portraits einzelner Bäume oder Baum-
und Landschaftsformationen. Auch in ihren jüngsten Arbeiten wird die
Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt, insbesondere das Verhältnis zu
Tieren untersucht. Ross befragt mit ihren Bildern auch hier
Wechselwirkungen und Anpassungsprozesse, sucht nach natürlichen
Entwicklungen und künstlichen Eingriffen in diese, ebenso wie nach
ausgewogen angemessenen Lebensformen.
Judith Joy Ross’
photographisches Werk steht in enger Korrespondenz zu ihrer
Beschäftigung mit der Kunst- und Photographiegeschichte. Nicht nur
methodisch sind ihre einem dokumentarischen Stil verpflichteten Photos
Walker Evans verwandt, auch dadurch, dass er 1935 an ihrem Wohnort in
Bethlehem einige seiner berühmtesten Photographien aufnahm, ist er ihr
ein indirekter Wegbegleiter. Auch Positionen wie Eugène Atget oder Lewis
Hine sind Ross ebenso wichtig wie der deutsche Photograph August
Sander, der ihr mit seinem Gesellschaftswerk Menschen des 20.
Jahrhunderts bereits früh Pate stand. Wenn Judith Joy Ross für ihre
Bilder in Anlehnung an Julia Margaret Cameron das Kriterium „Taken from
Life“ anführt, so zeigt sich darin nicht allein ihr geerdeter
Realitätsbezug, sondern auch der Anspruch eines künstlerischen Transfers
und einer Nobilitierung erlebter Wirklichkeit.
Judith Joy Ross
hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, so unter anderem 1985 ein
John-Simon-Guggenheim-Memorial-Foundation-Fellowship, 1986 ein Artist
Fellowship, National Endowment for the Arts, 1992 den Charles-Pratt
Memorial-Award und 1998 den Andrea-Frank-Foundation-Award. Ihr Werk wird
von Pace/MacGill Gallery, New York, und von der Sabine Schmidt Galerie,
Köln, vertreten. Photographien von Judith Joy Ross befinden sich in
Museumssammlungen wie im Museum of Modern Art, New York, im San
Francisco Museum of Modern Art, im Victoria and Albert Museum, London,
im Museum Folkwang, Essen, im Sprengel Museum Hannover und in der
Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln.
Die von der
Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur gemeinsam mit Judith Joy
Ross zusammengestellte Retrospektive präsentiert mit circa 150 Exponaten
ausgewählte Beispiele aus rund 20 Werkgruppen, entstanden in den
letzten dreißig Jahren. Es handelt sich um die bislang umfassendste
Ausstellung ihres Schaffens, die neben bekannten Photographien auch
zuvor noch nie gezeigte oder veröffentlichte beinhaltet.
Zur
Ausstellung erscheint ein Katalog im Schirmer/Mosel Verlag,
herausgegeben von der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur,
Köln. 2012 wir die Ausstellung im Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frau Magdeburg und in der Fondation A Stichting in Brüssel gezeigt.
Am
Montag, 26. September, 19 Uhr, findet in Zusammenarbeit mit dem Amerika
Haus e. V. NRW ein Vortrag von Judith Joy Ross über ihr
photographisches Werk statt. Ort: Saal 1. OG, Im Mediapark 7, Köln
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