 August Sander: Santa Chiara, Cagliari, 1927 © Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur - August Sander Archiv, Köln; VG Bild-Kunst, Bonn, 2011.
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August Sander. Sardinien, 1927
Eine Ausstellung der Photographischen Sammlung/ SK Stiftung Kultur, Köln, in Zusammenarbeit mit der Stadt Cagliari
Weltbekannt
wurde August Sander (1876–1964) durch sein Portraitwerk Menschen des
20. Jahrhunderts, doch auch mit anderen Themen im Bereich der
Landschafts- und Architekturphotographie setzte er sich in den über 50
Jahren seiner Berufstätigkeit kontinuierlich auseinander.
Die
Ausgangsidee für die Reise nach Sardinien kam von dem mit August Sander
befreundeten Schriftsteller Ludwig Mathar. Gemeinsam wollten sie ein
Buch über die in dieser Zeit noch wenig bekannte Insel in Angriff
nehmen, ein Vorhaben, das vermutlich aufgrund von Schwierigkeiten mit
dem Verlag nicht zustande kam. Mathar war schon mehrfach auf Sardinien
gewesen, für Sander war es die einzige mehrwöchige Auslandsreise in
seinem Leben. An einem Samstagmorgen, am 8. März 1927 nahmen Sander und
Mathar im Kölner Hauptbahnhof um 8.58 Uhr den durchgehenden D-Zug über
Basel, Mailand bis Genua. Rund 24 Stunden waren sie unterwegs, bis sie
dort ankamen. Nach weiteren Stationen in Pisa und Livorno fuhren sie per
Schiff zunächst das nördliche und westliche Ufer Sardiniens entlang,
bevor sie in der Hauptstadt Cagliari anlegten und die weitere Reise per
Zug und Postauto zurücklegten. In nur 30 Tagen durchquerten sie fast die
gesamte Insel und beschlossen ihre Reise in Rom, wo sie das Kloster
Sankt Paul vor den Mauern besuchten, in dem Ludwig Mathar in seiner
Jugend Novize gewesen war. Am 22. April trat August Sander schließlich
die Rückreise an.
Die beiden Männer besuchten viele
Sehenswürdigkeiten der Insel: die Städte Cagliari, Porto Torres,
Iglesias, Oristano und Sassari, den Nuraghe Losa, die Burg Acquafredda
und die ehemalige Abtei Santissima Trinità di Saccargia. Ihr Interesse
galt aber auch dem alltäglichen Leben der sardischen Bevölkerung und
ihren Festtagsbräuchen, wie Photographien aus Abbasanta, Atzara, Aritzo
und Nuoro belegen. Mit Hilfe der Brüder Figari, dem Maler Filippo, der
seit 1924 mit Ludwig Mathar befreundet war, und dem Rechtsanwalt Renato,
gelang es ihnen, Kontakt mit Einheimischen aufzunehmen und einen
Einblick in die Traditionen der Insel zu erhalten. Insbesondere die
farbenprächtigen Trachten der Sarden faszinierten sie, wofür August
Sander eigens Material für Farbphotographien mitgebracht hatte. Die
Aufnahmen von der Insel zeigen ein ursprüngliches Sardinien, manche der
Gebäude sind inzwischen verändert oder existieren nicht mehr, doch viele
der damals aufgenommenen Orte kann man auch heute noch besuchen und
wieder erkennen.
Die aktuelle Ausstellung umfasst rund 150
originale Abzüge von August Sander und zeigt in beeindruckender Weise
das große Einfühlungsvermögen des Photographen in einen ihm bis dahin
fremden Landstrich. Er bleibt dabei seiner aufmerksam registrierenden
Vorgehensweise treu und schafft ein anschaulich differenziertes
Zeitdokument. Kein anderer professioneller Photograph des 20.
Jahrhunderts hat das historische Sardinien mit einer so stringenten und
breit angelegten Dokumentation gewürdigt wie August Sander. Überzeugt
von den exakt abbildenden Möglichkeiten der Photographie, die er in der
Frühzeit des Mediums begründet sah, dürfte er sich auf seiner
Italienreise den Photographen des 19. Jahrhunderts verbunden gefühlt
haben, die zu Expeditionen rund um den Globus aufbrachen.
Sander
selbst hatte die in Italien aufgenommenen Negative als einen besonders
wichtigen Teil seines Schaffens angesehen, den er vor den
Bombardierungen in Köln während des Zweiten Weltkriegs mit als Erstes in
die ländliche Region des Westerwalds rettete. Hatte er bereits
unmittelbar nach der Sardinien-Reise Abzüge hergestellt, so erarbeitete
er darüber hinaus in den fünfziger Jahren, ungefähr im Alter von 75
Jahren, weitere Vergrößerungen, die er auf Karton aufgesetzt, in
textilbezogenen Mappen zusammenstellte.
Wendet sich die
Photographische Sammlung in ihrem Ausstellungsprogramm nun dem
Sardinien-Projekt zu, so wird damit die wissenschaftliche Bearbeitung
des Gesamtwerks von August Sander um einen weiteren Schritt voran
gebracht. Dabei stehen die Rekonstruktion der Werkgenese und die
ursprünglich vom Photographen für seine Arbeit getroffenen Maximen im
Mittelpunkt. Grundlage bilden die im Kontext der Sardinien-Reise
aufgenommenen über 300 Negative – vornehmlich Glasplatten, aber auch
Plan- und Rollfilme – sowie die 224 Originalabzüge und 14
Farbrasterplatten, ergänzt um Korrespondenz und Dokumente des
Photographen aus dem hauseigenen Bestand. Aber auch anderweitige
Informationen, seien es Gespräche mit Zeitzeugen oder Nachfahren sowie
Forschungsergebnisse aus öffentlich zugänglichem Material wurden
einbezogen. So konnten auch einige Leihgaben aus Privatbesitz
ausgeliehen werden, die die Ausstellung sinnvoll ergänzen.
Mit
großer Resonanz konnte die Präsentation des Sardinienkonvoluts samt
ausführlicher Publikation bereits 2009 in der Galleria Comunale d’Arte
in Cagliari, Sardinien, gezeigt werden. Dort setzte sich insbesondere
der Kulturdezernent und Kunsthistoriker Giorgio Pellegrini für das
Projekt ein. Für die Publikation steuerte er einen Essay bei, der die
Situation der sardischen Kunst und Kultur seit dem 18. Jahrhundert bis
in die 1920er/30er Jahre reflektiert. Ebenso hat er bei der
Identifizierung der Motive beziehungsweise deren Überprüfung
beigetragen. In der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur
zeichnen Gabriele Conrath-Scholl und Rajka Knipper für das Projekt
verantwortlich. Rajka Knipper hat die Forschungsergebnisse in einem
wissenschaftlich fundierten Textbeitrag im Katalogbuch ebenso wie in
einer Bilddokumentation mit sämtlich im August Sander Archiv erhaltenen
Motiven der Reise zusammengefasst. Jean-Luc Differdange, Photograph,
zuständig für den Bestand des August Sander Archivs, hat die Retusche an
den Originalen vorgenommen, die Reproduktionen für die Buchproduktion
erstellt und die Scanarbeiten für die Faksimiles der Farbaufnahmen
betreut.
August Sander. Sardinien. Photographien einer Italienreise 1927 1927, Hrsg. Die Photographische Sammlung/SK Stiftung
Kultur, mit einem Vorwort von Gabriele Conrath-Scholl, Texte von Rajka
Knipper, Giorgio Pellegrini, Albertus und Ludwig Mathar, München:
Schirmer/Mosel, 2009 Deutsch/Italienisch, 49,80 Euro
Sonderveranstaltungen neben den regulären Führungsterminen:
August Sander - Eine Reise nach Sardinien, ein Film von Reiner Holzemer in
Zusammenarbeit mit dem WDR und Arte, 2011, 26 min, Preview in
Anwesenheit des Regisseurs am 11.5., 20 Uhr, Saal 1. OG Im Mediapark 7,
Eintritt frei.
Blick in die Bestände des August Sander Archivs,
am Donnerstag, 19.5. und 4.8. 2011, jeweils 18.00 Uhr, Kosten 5 Euro,
Dauer circa 90 min, um Voranmeldung wird unter der Tel.-Nr. 0221/88895300 gebeten.
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