Die Photographische Sammlung
Kalender Sammlung A-Z August Sander Bernd & Hilla Becher
GER
26. März – 18. Juli 2010
 
 
Zeche Hannover

 

Bernd und Hilla Becher: Zeche Hannover 1/2/5, Doppelstrebengerüst Schacht 5, Bochum-Hordel, Ruhrgebiet, D, 1973/74,
© Hilla Becher, 2010

ZECHE HANNOVER
Photographien aus dem Ruhrgebiet von Bernd und Hilla Becher

 

26. März – 18. Juli 2010
in der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln

Im Mittelpunkt dieser umfangreichen Ausstellung mit Werken von Bernd und Hilla Becher steht die Zeche Hannover, Bochum, die das Künstlerpaar hauptsächlich 1971–74 in zahlreichen Photographien aufzeichnete. 1973 wurde das Steinkohlenbergwerk stillgelegt. Die bei wiederholten Besichtigungstouren über das Gelände erarbeiteten Schwarzweiß-Negative sind von beiden zwischen 2004 und 2006 einer erneuten Durchsicht unterzogen worden. Die daraus resultierenden Abzüge  bilden die Grundlage für eine differenzierte Beschreibung der Anlage, wie sie der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur heute exklusiv in einem Satz von rund 200 originalen Abzügen vorliegt. Zeche Hannover gehört zu den am ausführlichsten dokumentierten Anlagen im Œuvre der Bechers. Diese werden der Öffentlichkeit erstmalig vorgestellt und können parallel zu den aktuellen Ausstellungsaktivitäten im Ruhrgebiet anlässlich der Kulturhauptstadt 2010 als ein besonderes Highlight angesehen werden.
Neben den Aufnahmen der Zeche Hannover bietet sich dem Besucher in Köln die Gelegenheit, weitere Bildgruppen der Bechers aus dem Ruhrgebiet zu entdecken, so von der Zeche Constantin, Bochum; Zeche Graf Moltke, Gladbeck; Zeche Helene, Essen; Zeche Königsgrube, Wanne-Eickel; Zeche Robert Müser, Bochum; Zeche Neu-Iserlohn, Bochum; Zeche Prosper III, Bottrop und Zeche Waltrop, Waltrop. Die Aufnahmen sind in diesem Zusammenhang zum ersten Mal zu sehen, wenn auch einzelne Motive aus verschiedenen Typologien und Monographien des Künstlerpaars, wie zum Thema der Fördertürme, der Fabrikhallen, der Wassertürme, der Gasbehälter oder der Landschaften bekannt sein mögen. Insgesamt werden rund 300 Exponate aus der hauseigenen Sammlung ausgestellt, erworben mit Mitteln der Sparkasse KölnBonn, dem Sparkassen-Kulturfonds des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der Kulturstiftung der Länder.

Seit dem Beginn der Kooperation zwischen der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur und Bernd und Hilla Becher im Jahre 1996, die nach dem Tod von Bernd Becher 2007 mit seiner Ehefrau fortgesetzt wird, ist dies die vierte Präsentation im Kölner Mediapark, die das Thema der systematischen Darstellung von weiträumigen Industrieanlagen und ihren Funktionseinheiten betrifft. Richtet sich nun erneut der Blick auf eine Bergwerksdokumentation der Bechers, so gibt dies einerseits die Möglichkeit, en detail einem fortwährenden künstlerischen Produktionsprozess zu folgen und andererseits einen Blick in den gewachsenen Bestand der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur zu werfen.

Bernd und Hilla Becher haben das Gelände der Zeche Hannover in methodisch unvergleichlicher und ausführlicher Weise aufgenommen und den Streifzügen, die beide mit ihren Großbildkameras unternahmen, lässt sich innerhalb der Ausstellung unmittelbar nachspüren. Dazu sei bemerkt, dass die Zeche über zwei Schachtanlagen verfügte, so Schacht I, II und V im Bochumer Ortsteil Hordel und III, IV und VI in Günnigfeld. Der überwiegende Teil der Becherschen Dokumentation bezieht sich auf die erstbenannte ältere und betrieblich größere Schachtanlage. Im Blickfeld stehen zunächst die drei unterschiedlichen Fördertürme, die für die Anlage so kennzeichnend sind und auf engem Raum ihre über rund ein Jahrhundert währende Wirtschaftsgeschichte sozusagen als Wahrzeichen repräsentieren: der um 1857 erbaute wuchtige Malakowturm, das 1908 fertig gestellte Doppelstrebengerüst und der 1939 entstandene Förderturm aus Stahlfachwerk. Aber auch das in den 1920er Jahren errichtete Lüftergebäude, die Aufbereitungsanlage, das Kraftwerk mit seinen Kühltürmen, die Kokerei und die spektakulären Bandstraßen, die über das gesamte Gelände führten, wurden ihre Motive. Immer wieder haben Bernd und Hilla Becher einzelne Bauten und Konstruktionen in den Fokus genommen und idealerweise in mehreren Ansichten, wie auf einer Drehscheibe, vor Augen geführt. In der Zusammenschau der eher gegenstandsbezogenen Bilder mit den landschaftlichen Übersichtsaufnahmen gewinnt man den Eindruck, auf einer erstaunlichen Entdeckungs- und Zeitreise zu sein, die mit vielen Aspekten überrascht und dazu herausfordert, eine Gesamtorientierung zu finden. Mit dem sachlichen Blick der Bechers wird man nahsichtig an die Objekte der Anlage herangeführt, erhält aber auch die Möglichkeit, erhöhte Aussichtspunkte einzunehmen und aus der Ferne auf einzelne Werkkomplexe und weite Strecken des Zechengeländes zu blicken, das von Feldern, Brachland und Werkssiedlungen gesäumt wird. Die Bilder erweisen sich so zugleich als eine topographische Verortung der Anlage, die gelegentlich mit einer Aufzeichnung der gegebenen Infrastruktur und des sozialen Umfelds einhergeht, durch die Einbeziehung von Verwaltungs- und Wohnhäusern, Kolonien und Gärten, mit Verkehrswegen und Feldern.

In den 1980er Jahren wurde das Steinkohlenbergwerk bis auf einen Malakowturm, das Maschinenhaus und das Lüftergebäude mit Diffusoren abgebrochen. Diese sind heute für das Westfälische Industriemuseum ein bedeutender Standort, der die lange Wirkungsgeschichte der Zeche Hannover anhand wichtiger Bauten exemplarisch veranschaulicht. Verbunden war diese nicht zuletzt mit wechselnden Besitzverhältnissen, die hier grob skizziert seien.

Zunächst wurde 1847 dem Rittergutbesitzer Karl Richard von Hymmen aus Kaiserswerth und dem Kaufmann Julius Müller aus Elberfeld die Schürferlaubnis in der Landgemeinde Hordel erteilt, wobei die erste Bohrung Sechs-Brüder genannt wurde und bei 92 m Teufe auf Steinkohle traf. 1856 wurde der Feldbesitz mit inzwischen vier Bohrungen von der Hannoverschen Bergwerksgesellschaft Hostmann & Co. AG erworben. Weitere mit der Stadt Hannover verbundene Besitzer folgten. 1870 konnte der in die Geschichte eingegangene Name der Zeche besiegelt werden, denn die bisherigen Einzelfelder wurden unter der Bezeichnung Steinkohlebergwerk Hannover konsolidiert und die gleichnamige Gesellschaft gegründet. 1872 kaufte die Essener Firma Alfred Krupp die Zeche und der Betriebsleiter Carl Friedrich Koepe, der einige Jahre später mittels einer neuen Seilführung ein rationelleres Förderverfahren einführte, blickte zuversichtlich in die Zukunft, als er sich – mit heutigem Wissen um die 1973 erfolgte Schließung der Anlage fast sogar weissagend – wie folgt äußerte: „Der Kohlenreichtum auf der Zeche Hannover ist ganz bedeutend und wohl keine Zeche im Oberbergamtsbezirk Dortmund hat auf einer so kleinen Fläche soviel gewinnbare Kohle liegen. Nimmt man an, dass jährlich 750 000 t gefördert werden, so reicht der Kohlenreichtum immerhin 100 Jahre aus. Bei 1000 m Teufe wird aber der Kohlenvorrat noch keineswegs erschöpft sein.“ (vgl. Festschrift zum 100jährigen Bestehen der Zechen Hannover und Hannibal, Bochum, 1947). 1899 wurde auch die nahe liegende Zeche Hannibal von der Firma Krupp erworben und gemeinsam mit der Zeche Hannover in Bochum-Hordel verwaltet. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete sich 1953 das Steinkohlenbergwerk Hannover-Hannibal AG und auch die angrenzende Zeche Königsgrube wurde von der Gesellschaft einbezogen. 1967 fasste man die Förderung der Zechen Hannover, Hannibal, Königsgrube, Constantin und Mont Cenis unter dem Namen Bergwerk Bochum zusammen und zwei Jahre später wurden die Anlagen in die Ruhrkohle AG überführt.

Folgen wir dem Rundgang von Bernd und Hilla Becher durch die Zeche Hannover und schauen ebenso auf die weiteren komprimierter vorgestellten Bildgruppen von Bergwerken des Ruhrgebiets, so blicken wir auf individuelle Formen eines industriellen Anlagetypus’, blicken auf Funktionsbauten, die weniger der Repräsentanz als vielmehr pur der Förderung und Weiterverarbeitung von Steinkohle und damit verbundenen funktionellen Abläufen dienten, blicken auf Bilder, die in aller Präzision und künstlerischer Einsicht die Formenvielfalt und die Struktur des Gewesenen spiegeln – auf eine photographische Feldstudie einer ehedem komplexen Industrielandschaft. Der prominente holländische Kunsthistoriker Rudi Fuchs schloss 1981 seinen Text über die Zeche Hannibal mit folgenden Worten ab: „Der Historiker zum Beispiel ist es den Regeln seines Berufs schuldig, sich mit Ursache und Wirkung zu beschäftigen. Die Künstler halten sich, in diesem Fall, an das, was sie sehen. Aus der Geschichte wissen wir, dass die Kunst auf diese Weise unschätzbare Kenntnisse gesammelt hat [...] So sehe ich diese meisterhaften Arbeiten von Hilla und Bernd Becher: als eine anatomische Studie.“ (vgl. Bernd und Hilla Becher: Zeche Hannibal, München, 2000)

Begleitend zur Ausstellung in der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur ist eine Publikation erschienen: Bernd und Hilla Becher. Zeche Hannover, München: Schirmer/Mosel, 2010.

 

 

 

 

 

 

 

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